Die französische Reisepresse hat sich auf eine Formel für den Ortasee geeinigt — le lac le plus romantique du Piémont, der romantischste See des Piemont — und ausnahmsweise sagt das Marketing etwas Wahres. Der Grund ist baulich, nicht sentimental: In den Ortskern fahren keine Autos, der See ist schmal genug, um geschlossen zu wirken, und die Insel in der Mitte gehört einem Kloster, das seine Besucher um Ruhe bittet. Zusammen ergibt das ein Wochenende, das sich von einem an einem größeren See wirklich unterscheidet.
So würden wir zwei Nächte verbringen.
Freitagabend: ankommen und nichts tun
Kommen Sie möglichst vor Einbruch der Dunkelheit an. Lassen Sie das Auto stehen — der Ort ist autofrei, Sie brauchen es nicht mehr — und gehen Sie hinunter nach Orta San Giulio, während das Licht weicht. Die Piazza Motta öffnet sich direkt zum Wasser, der Insel gegenüber, und färbt sich vor der Dämmerung für etwa zwanzig Minuten bernsteinfarben.
Essen Sie am ersten Abend spät und einfach. Der Freitag dient dazu, mit dem Reisen aufzuhören.
Samstagvormittag: die Insel
Die Überfahrt zur Insel San Giulio dauert wenige Minuten. Die Insel hat eine einzige Ringgasse, und das Benediktinerinnenkloster hat dort Tafeln angebracht, auf denen in vier Sprachen steht: „Die Insel der Stille heisst dich willkommen." In der einen Richtung heißen die Tafeln Weg der Stille, auf dem Rückweg Weg der Meditation. Das klingt nach Masche und ist keine: Die Leute hören tatsächlich auf zu reden, und die Wirkung auf ein Paar nach sechs Stunden Autofahrt ist bemerkenswert.
Gehen Sie früh. Ab elf kommen die Tagesgäste, und die Stille wird theoretisch.
Samstagnachmittag: irgendwo hinaufsteigen
Zwei Möglichkeiten, beide etwa zwanzig Minuten bergauf. Der Sacro Monte, UNESCO-Welterbe mit zwanzig freskierten Kapellen im Wald über dem Ort, mit Aussichtspunkten am Weg, an denen sich der ganze See unter Ihnen öffnet. Oder, am anderen Ufer, die Terrasse von Madonna del Sasso mit dem weitesten Blick über den See überhaupt.
So oder so stehen Sie am späten Nachmittag oben und im Stillen — darum geht es.
Samstagabend: das Essen
Wenn Sie für eine Sache Geld ausgeben, dann hier. Villa Crespi — das Drei-Sterne-Restaurant von Antonino Cannavacciuolo in einer maurisch anmutenden Villa zehn Minuten vom Ort — ist ein Reiseziel für sich, und manche fliegen eigens dafür ein. Reservieren Sie weit im Voraus; hier geht man nicht spontan hin.
Wenn das nicht Ihr Abend ist: Orta hat an und hinter der Piazza kleine Lokale, in denen man für ein Zehntel gut isst, mit dem Tisch zur Insel. Keine der beiden Entscheidungen ist falsch.
Sonntag: die langsame Fassung
Fahren Sie mit einem Boot ohne Ziel hinaus, oder gehen Sie den Uferweg nach Norden. Nehmen Sie sich ein langes Mittagessen. Fahren Sie später los als geplant.
Wo wohnen — und warum das hier zählt
An einem romantischen Wochenende ist die Unterkunft keine Nebensache, sondern fast die ganze Erfahrung. Ein Hotelzimmer an einer befahrenen Uferstraße ist nicht dasselbe wie ein Haus mit eigenem Garten bis ans Wasser.
Die Villa Volpe liegt am Seeufer knapp außerhalb der Fußgängerzone, mit privatem Strand drei Meter vor der Tür und der Insel im Blick. Sie können vor dem Frühstück schwimmen, ohne jemandem zu begegnen, und in wenigen Minuten in den Ort gehen, wenn Ihnen danach ist. Für zwei Personen ist es mehr Platz, als Sie brauchen — was genau der Sinn ist.
Ein ehrlicher Vorbehalt
Juli und August sind die Ausnahme von allem oben Gesagten. Der Ort ist voll, die Boote sind besetzt, und die Stille auf der Insel muss man suchen. Wenn es um das romantische Wochenende geht und nicht ums Baden, kommen Sie im Mai oder im Oktober. Der See ist derselbe, der Andrang ist weg.
