Die meisten Besucher von Orta San Giulio schauen hinaus zur Insel und nie nach oben. Dabei steht direkt über dem Ort, auf einem bewaldeten Hügel, der Sacro Monte di Orta: zwanzig Kapellen entlang eines schattigen Weges, gefüllt mit lebensgroßen bemalten Figuren, seit 2003 UNESCO-Welterbe. Der Besuch kostet nichts und liegt zwanzig Minuten von der Piazza Motta entfernt.

Was das eigentlich ist

Ein Sacro Monte — „heiliger Berg" — ist ein Andachtsweg aus einer Folge von Kapellen, von denen jede eine Episode einer heiligen Geschichte dreidimensional in Szene setzt. Ab dem späten 16. Jahrhundert entstanden solche Anlagen im Piemont und in der Lombardei; neun davon bilden gemeinsam das UNESCO-Welterbe „Sacri Monti in Piemont und in der Lombardei".

Orta ist der Sonderfall, und der Grund lohnt sich zu merken: Es ist der einzige Sacro Monte, der nicht einer biblischen Episode, sondern einem Heiligen gewidmet ist — Franz von Assisi. Die Arbeiten begannen 1590, finanziert vor allem vom Novareser Abt Amico Canobio und angelegt nach einem Entwurf des Kapuzinerarchitekten Cleto da Castelletto Ticino. Gebaut wurde danach fast zwei Jahrhunderte lang — deshalb verschiebt sich der Stil der Kapellen sichtbar, während man aufsteigt.

Die zwanzig Kapellen

Jede Kapelle umschließt ein Tableau: bemalte Terrakottastatuen, nahezu lebensgroß, aufgestellt vor freskierten Wänden, die die Szene nach hinten fortsetzen. Zusammen sind es rund vierhundert Figuren, überwiegend aus dem 17. und 18. Jahrhundert, und die Fresken dahinter stammen von einer langen Reihe lombardischer und piemontesischer Maler.

Die Wirkung ist eine andere als im Museum. Man blickt durch ein Gitter in einen Raum, in dem eine Menschenmenge mitten in der Bewegung erstarrt ist: streitend, kniend, zurückblickend. Manche Gesichter sind unverkennbar Porträts der Menschen, die vor vierhundert Jahren hier lebten.

Bemalte Terrakottafiguren im Inneren einer Kapelle des Sacro Monte di Orta
In den Kapellen: nahezu lebensgroße Terrakottafiguren vor freskierten Wänden

Auf dem Hügel steht außerdem die Kirche San Nicolao, ein frühromanischer Bau, der älter ist als das ganze Projekt und ihm seinen Ankerpunkt gibt.

Anfahrt und Öffnungszeiten

Von Orta San Giulio dauert der Aufstieg etwa zwanzig Minuten über eine ansteigende, gepflasterte Straße mit Kopfsteinpflaster und einzelnen Stufen. Es ist ein gleichmäßiger Anstieg, kein schwerer — aber ein Anstieg. Am Fuß des Hügels gibt es einen Parkplatz, ausschließlich für Pkw: keine Wohnmobile, keine Reisebusse.

In der Saison 2026, vom 29. März bis zum 24. Oktober, sind die Kapellen montags bis freitags von 9.30 bis 18 Uhr geöffnet, samstags, sonntags und an Feiertagen von 9.30 bis 18.30 Uhr. Die Kirche San Nicolao ist täglich von 9 bis 18 Uhr offen. Die Zeiten ändern sich saisonal — prüfen Sie sacrimonti.org, bevor Sie aufbrechen.

Der Eintritt ist frei. Spenden sind willkommen, Führungen kosten rund 12 Euro pro Person. Der Waldpark rund um die Kapellen ist ohnehin zugänglich: Auch bei geschlossenen Kapellen bleiben der Spaziergang und die Ausblicke.

Barrierefreiheit

Hier hilft nur Ehrlichkeit. Der Weg besteht aus Stufen, Steigungen und Kopfsteinpflaster und ist für Rollstuhlfahrer wirklich schwierig. Besucherinnen und Besucher mit Behinderung dürfen bis zur Kirche San Nicolao hinauffahren und stellen das Auto danach wieder auf dem Parkplatz unten ab. Wenn Barrierefreiheit Ihre Planung bestimmt: Unser rollstuhlgerechter Guide für den Ortasee beschreibt, was rund um den See funktioniert und was nicht.

Wann Sie hinaufgehen sollten

Früh am Morgen oder am späten Nachmittag. Die Kapellen stehen unter hohen Bäumen, und mitten am Sommertag fällt das Licht durch die Gitter flach ein. Am späten Nachmittag kommt es tief herein und die Innenräume werden warm. Der Herbst ist hier oben womöglich die schönste Zeit überhaupt: Der Wald färbt sich, und die ohnehin wenigen Besucher sind fort.

Steigen Sie nicht zu schnell wieder ab. Am Weg liegen Aussichtspunkte, an denen sich der ganze See unter Ihnen öffnet, mit der Insel San Giulio mittendrin. Es ist das Foto, das am Ende bei fast allen auf der Kamera landet — und kaum jemand wusste beim Aufbruch, dass es dort auf ihn wartet.

Einen Vormittag daraus machen

Der Sacro Monte lässt sich gut mit der Insel verbinden: Die Überfahrt dauert wenige Minuten, und zusammen füllen beide einen Vormittag, ohne dass etwas gehetzt wirkt. Von der Villa Volpe sind beide zu Fuß erreichbar — Sie stehen am Fuß des Hügels, bevor der erste Reisebus geparkt hat.